„Die klugen und die törichten Jungfrauen“(Math.25,1-13)

„Die klugen und die törichten Jungfrauen“(Math.25,1-13)

„Die klugen und die törichten Jungfrauen“(Math.25,1-13)

# Neuigkeiten aus der Gemeinde

„Die klugen und die törichten Jungfrauen“(Math.25,1-13)

Bildbetrachtung
„Die klugen und die törichten Jungfrauen“(Math.25,1-13)

 

Als die meisten Menschen noch nicht lesen und schreiben konnten, vermittelten Bilder anschaulich Geschichten. Wo heute mittels geschriebener Geschichten Bilder in unserer Fantasie entstehen, war es früher genau umgekehrt. (Sie können es einmal überprüfen, wenn Sie ein Buch gelesen haben und sehen diese Geschichte verfilmt. Meistens haben wir uns dann die Protagonisten, die Bauwerke oder Landschaften ganz anders vorgestellt.)

Kein Bild wird objektiv gemalt. Es soll denen, die es betrachten, zu einem Thema etwas vermitteln, soll anregen oder hinterfragen. Deshalb können wir über ein Bild staunen, es ablehnen, uns in Frage stellen lassen oder es einfach nur schön finden, ohne einen tieferen Sinn zu suchen.

In unserem Kirchraum hängen mehrere Bilder, deren Schöpfer/innen uns ihre Inspirationen zu biblischen oder theologischen Themen mitteilen wollten. Unübersehbar ist das großformatige Bild hinter dem Altar.

Ich möchte mich hier jedoch dem Bild mit dem Titel „Die Jungfrauen“ zuwenden, das auf der linken Seite des Kirchraumes ganz vorne neben dem Stehpult hängt und meine Gedanken mit Ihnen teilen.

Die Farben des Bildes sind zurückhaltend. Helle und dunkle Sequenzen wechseln sich ab.

Relativ mittig im Bild sind zwei Frauen zu sehen, deren Kleidung und Haarschmuck darauf hinweisen, dass sie in einer griechisch-römischen Zeitepoche leben.
Die Frau links hält in Höhe ihres Gesichtes eine orientalische Öllampe, aus der eine kleine Flamme brennt. Diese Flamme erhellt die Gesichter der beiden Frauen. (Ganz nebenbei wird hier verdeutlicht, wie wenig Licht eine einzige Öllampe spendet.) Die Andere hält ihre Öllampe kaum sichtbar in Hüfthöhe. Ihr Licht ist nur schwach zu sehen. In der anderen Hand hält sie eine kleine Kanne, die nur schwer zu erkennen ist, weil sie bereits im Dunkel des unteren Bildrandes liegt. Beide Frauen stehen eng bei einander, eine hat den Arm um die andere gelegt. Die Innigkeit der Beiden wird noch dadurch  verstärkt, dass ihre langen und weiten Gewänder ineinander zu verschmelzen scheinen. Beide Frauen schauen ernst in die kleine Flamme.

Die untere Hälfte des Bildes und der gesamte Hintergrund sind dunkel gehalten. Man muss sehr genau hinschauen, um die anderen Personen noch zu erkennen. Da sitzt zum Beispiel in der unteren linken Ecke ebenfalls eine Frau. Sie hat ihren Kopf auf die Hand gestützt und sieht zu Boden. Im Bildhintergrund erkennt man weitere Frauengesichter, nur durch einen leichten Lichtschimmer erhellt. Deutlich ist ein erhobener Zeigefinger einer Figur im Hintergrund zu erkennen. Die beiden Frauen sind also nicht allein, sie gehören einer Gruppe an.

Sie wissen es wahrscheinlich längst, hier wird das Gleichnis von den 10 Brautjungfern (Mt. 25,1-13) ins Bild gesetzt. Nur der Evangelist Matthäus erzählt es, in den anderen drei Evangelien (Markus, Lukas, Johannes) ist es nicht überliefert- Es gilt als Gleichnis für die Bereitschaft, jederzeit mit der Wiederkehr Christi zu rechnen und gut darauf vorbereitet zu sein. Gemalt hat es Christian Bernhard Rode im 18. Jahrhundert.
Er hat einen Moment des Wartens festgehalten.  Der Bräutigam, den die Jungfrauen erwarten und dem sie mit ihren Lampen leuchten sollen, verspätet sich. Die sogenannten klugen Jungfrauen halten eng zusammen und hoffen, dass sie mit der zusätzlichen Reserve in dem Ölfläschchen, das sie mitgebracht haben, die Zeit, bis der Bräutigam kommt, überbrücken können. „Die einen stehn im Dunkeln und die andren stehn im Licht, und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, heißt es bei Bertolt Brecht. Im Dunkeln steht bzw. sitzt die Frau am unteren Bildrand.  Sie hält den Blick gesenkt. Der Maler macht klar:  Aus seiner Sicht sind die einen Frauen erhaben (stehend) und die anderen erniedrigt (sitzend). Er macht auch klar, wer im Licht steht und wer im Schatten. Damit positioniert er sich ganz in der Tradition dieses Gleichnisses. Es gibt töricht und klug, falsch und richtig und deshalb die Mahnung: Sei allzeit gut vorbereitet auf die Wiederkehr Christi! Am oberen Bildrand sind weitere Frauen zu erkennen, die offenbar lebhaft diskutieren und von denen eine mit erhobenem Zeigefinger genau diese Nachricht an die törichten Jungfrauen zu richten scheint: Selber schuld, wer sich nicht gut genug vorbereitet hat.

 

Aber  - was, wenn es nun doch ganz anders wäre?

Beim Betrachten des Bildes bleibe ich an der helleren oberen Bildhälfte mit den beiden Frauen stehen. Da sie besonders hervorgehoben sind, scheinen sie beispielhaft etwas darzustellen. Sind es Schwestern, Freundinnen, Verwandte? Wo befinden sie sich überhaupt? Es gibt auf dem Bild keinen Hinweis auf einen Ort. Keine Landschaft ist angedeutet. Sie wirken entspannt und konzentriert. In dem Bild ist keine Bewegung zu erkennen. Die beiden Frauen konzentrieren sich ganz auf die Flamme der Öllampe. Sie scheinen ihre Umwelt nicht wahrzunehmen. Dieses kleine Licht ist ihr Schatz. Darauf kommt es ihnen an.

Ganz anders die Frau am linken unteren Bildrand. Sie schaut nicht zu dem Licht. Sie scheint ganz in ihren Gedanken gefangen, mit sich beschäftigt. Die Stimmung, die das Bild mir vermittelt, ist ernst und abwartend. Noch überwiegt die Dunkelheit, und die zarte Flamme der Öllampe kann sie nur unwesentlich erhellen.

Störend wirkt auf mich der erhobene Zeigefinger der Figur im Hintergrund. Wer wird da von wem zurechtgewiesen? Der Maler lässt das im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln.

Wie wäre es, wenn wir die Geschichte weiterdenken? Vielleicht ist genau dieser Moment festgehalten, an dem die Geschichte eine entscheidende Wende nehmen könnte. Die Frauen wenden sich einander zu. Sie bemerken, dass nicht alle das Ziel erreichen werden, wenn jede nur für sich sorgt. Wie würde es dann weitergehen? Nehmen sie sich gegenseitig an die Hand, so dass auch die im Dunkeln den Weg zum Bräutigam finden? Könnten alle das Ziel erreichen, wenn der Zusammenhalt siegen würde? Im Gleichnis gibt es kein solches Happy End. Nur die Hälfte gelangt ans Ziel,  die anderen, deren Lampen ausgebrannt sind, werden rigoros ausgeschlossen.

Wie würden Sie die Geschichte heute malen?  Ihr vielleicht einen ganz neuen Titel geben?  Welche Farben, Schwerpunkte und Hinweise an die Betrachter würden Sie geben? Ist der Charakter von Inklusivität und Exklusivitä , „drinnen“ und „draußen“ dann aufgehoben? Wie weit darf man sich in der Kunst, auch bei theologischen Themen, bei einer neuen Interpretation vorwagen?

Habe ich Sie ein wenig neugierig gemacht? Schauen Sie sich das Bild gerne einmal vor Ort an.

Michaela Simon

 

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