30/06/2026 0 Kommentare
Monatsspruch für Juli 2026
Monatsspruch für Juli 2026
# Neuigkeiten aus der Gemeinde

Monatsspruch für Juli 2026
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5,24
Die Orgel braust beim Einzug von Pfarrer und Kirchdienst, die Gemeinde singt kraftvoll Choräle, die Predigt inspiriert und die Gebete berühren. Kurzum: Der Gottesdienst ist schön, und man zieht beschwingt von dannen. Aber wie gestaltet sich das Christsein ab Montag, in Freundeskreis und Familie, Schule und Beruf, Politik und Wirtschaft?
Schöne Gottesdienste werden wahrscheinlich auch im 8. Jahrhundert vor Christus gefeiert, zur Zeit von Amos. Trotzdem schimpft er wie ein Rohrspatz: „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen…Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ (Amos 5,21+23). Amos´ Religionsgenossen feiern Gottesdienste, beten aber nicht den Gott Abrahmas, Isaaks und Jakobs an, sondern den Mammon. Sie verkaufen „die Unschuldigen um Geld und die Armen um ein Paar Schuhe“ und „treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Wege“ (Amos 2,6-7).
Wenn jemand Ausbeutung und Ungleichheit anprangert, wird ihm von den Besitzenden, ihren Interessenvertretern und nahestehenden Medien Neid unterstellt. Doch bei Amos würde diese Beschuldigung ins Leere laufen. Denn als Viehzüchter gehörte er zu den Wohlhabenden. Heute würden ihn erwähnte Kreise dafür als „Salonsozialisten“ verhöhnen. Aber sollen Gutbetuchte Ausbeutung und Ungleichheit rechtfertigen, statt für Menschlichkeit und Gerechtigkeit eintreten? Gott sei Dank hat es immer wieder Unternehmer gegeben, die ein soziales Gewissen hatten und ihm folgten: Die Industriellen George Cadbury (1839-1922) in Birmingham und Robert Bosch (1861-1942) in Stuttgart sorgten für das Wohlergehen ihrer Arbeiter und deren Familien. Der Bankier Eduard Pfeiffer (1835-1921) gründete 1863 in seiner Heimatstadt Stuttgart die erste Konsumgenossenschaft Deutschlands. Und der Kaufmann Gottfried Duttweiler (1888-1962) in Zürich wandelte den Lebensmittelkonzern Migros, den er 1925 gegründet hatte, 1941 in eine Genossenschaft um. Cadbury war Quäker, Pfeiffer Jude, und Bosch und Duttweiler waren evangelisch.
Amos erinnert daran, dass der Gottesdienst und der Dienst am Nächsten zusammengehören. Denn der Gott, an den Juden und Christen glauben, ist nicht irgendein „höheres Wesen“, dem das Wohlergehen der Menschen egal ist. Vielmehr fordert er, dass „das Recht wie Wasser“ ströme „und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24).
Jesus steht in der Tradition des Amos und der Propheten des Alten Testaments. So sagt er nach der Überlieferung des Matthäusevangeliums: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“ (Matthäus 7,20-21). Auch in der dritten Bitte des Vaterunser, „dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ (Matthäus 6,10), geht es um das Tun dessen, was Gott will, nicht darum, sich dem Schicksal zu ergeben. Dies verdeutlicht die englische Fassung des Gebets: Thy will be done, „dein Wille werde getan“.
Christen müssen immer wieder darum beten und sich fragen, was der Wille Gottes in der jeweiligen persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Lage ist. Sie werden dann die Bibel gedanklich in einen Dialog mit der eigenen Erfahrung und Erkenntnissen der Wissenschaften bringen und dann ihre Entscheidung treffen und begründen.
In den Zwanziger- und Dreißigerjahren wollte die „Liturgische Bewegung“ den evangelischen Gottesdienst durch die Aufnahme gregorianischer Musik reformieren. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer mahnte: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ Pfarrer Richard Gölz (1888-1975), der durch sein „Chorgesangbuch“ bekannt wurde, pflegte die Gregorianik und gehörte in der Nazizeit zur württembergischen „Pfarrhauskette“. Die sie tragenden Pfarrer und Pfarrfrauen versteckten Juden und retteten ihnen so das Leben. Richard Gölz und seine Frau Hildegard wurden in der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte der Völker“ geehrt.
JÜRGEN WANDEL
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