11/08/2026 0 Kommentare
Zwischen Säkularisierung und Hoffnung
Zwischen Säkularisierung und Hoffnung
# Neuigkeiten aus der Gemeinde

Zwischen Säkularisierung und Hoffnung
Zwischen Säkularisierung und Hoffnung
Zu Besuch bei der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder
Wie leben evangelische Christen in Ländern, in denen sie in der Minderheit sind? Wie finanzieren und organisieren sie ihr Gemeindeleben? Einen Einblick in das protestantische Leben in Tschechien bot eine Exkursion des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland für Theologiestudierende unter der Leitung von Generalsekretär Enno Haaks und der Medienpfarrerin Magdalena Smetana.
Die „Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder“ ist aus dem Erbe der böhmischen und europäischen Reformation hervorgegangen und hat im Laufe ihrer Geschichte Vertreibung, Verfolgung und Verbot erleben müssen – von der Zeit der Gegenreformation bis hin zum Kommunismus. Heute besteht die „Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder“, die eine unierte Kirche mit reformierter Tendenz ist, aus knapp fünfzigtausend Gemeindemitgliedern (zum Vergleich: der Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf hat knapp vierzigtausend Gemeindemitglieder), in zweihundertdreißig Gemeinden, organisiert in vierzehn Kirchenkreisen. In ihr wirken achtzig Pfarrerinnen und hundertfünfzig Pfarrer. Finanziert werden sie durch die Abgabe des „“Zehnten“ der Gemeindemitglieder.
Am ersten Abend schilderten uns Lehrende und Studenten der Evangelisch-Theologischen Fakultät die gesellschaftliche und religiöse Situation Tschechiens. Tschechien gilt mit Estland und Ostdeutschland als eine der am stärksten säkularisierten Regionen Europas, auf zehn Millionen Tschechinnen und Tschechen kommen nur etwa eine Millionen Christen, wovon überhaupt nur knapp fünfzigtausend Christen Evangelische sind. Die Kirchen spielen in der Gesellschaft kaum eine Rolle, die Politik interessiert sich nur wenig für sie, und die kirchliche und religiöse Identität spielen keine Rolle für die nationale Identität. Geprägt ist die Gesellschaft stattdessen von einem grundlegenden Misstrauen gegenüber Institutionen – auch gegenüber der Kirche.
Die Rolle als Minderheit annehmen
Am nächsten Morgen lernten wir Synodalsenior (der Titel entspricht dem eines Bischofs) Pavel Pokorný kennen, der uns eine andere Perspektive vermittelte: die einer einladenden Kirche mit offenen Armen, einer Kirche, die von vielen verschiedenen Meinungen und Positionen lebt, von einer Kirche und von Gläubigen, bei denen Konfessions- und Traditionszugehörigkeit oft zweitrangig sind, weil die Kirche nie sich selbst, sondern das Evangelium verkündigt.
Und mitten in den Herausforderungen, mit denen sich die Kirche in Tschechien konfrontiert sieht – Säkularismus, sinkende Mitgliederzahlen, Abkehr der Menschen von Kirchen und Institutionen, schwierige finanzielle Situation und ein misstrauischer Staat – formulierte er seine Haltung so: „Vertrauen, Liebe, Glauben und Wahrhaftigkeit braucht es – kein Geld.“
Synodalsenior Pokorný zeichnete die Vision einer Kirche mit kleineren Gemeinden, die ihren Glauben leben, indem sie offen sind für die Menschen in ihrer Umgebung und für die gesellschaftlichen Probleme und die sich die Frage stellt „Wohin geht der lebendige Christus heute und wohin sollen wir ihm in Solidarität folgen?“
Zusammenarbeit mit der Stadtgesellschaft
Was das konkret bedeutet, erlebten wir in der Begegnung mit ganz unterschiedlichen Pfarrern und ihren Gemeinden. Wir besuchten einen Pfarrer in einer hippen, modernen Gegend, Pfarrer in einer großen, lebendigen Gemeinde, Pfarrer, die Bücher schreiben und ein Gesicht der Kirche in den sozialen Medien sind, einen Pfarrer, der einer der Gründer der gegenwärtigen, tschechischen Demokratie-Bewegung ist und einen Pfarrer, der in einer Prager Hochhaussiedlung Gemeinde lebt und ermöglicht.
Pfarrer Jonathan Hudel aus Smichow zeigte uns sein modernes Gemeindehaus mit integriertem Kirchsaal mitten im Grünen und umgeben von Mehrfamilienhäusern. In dem Gemeindehaus wurde vor einigen Jahren ein Raum für die Stadtgesellschaft gegründet und der Kirchsaal im Zuge dessen umgestaltet – heute finden hier Integrations-, Sozial- und Bildungsarbeit statt.
Pfarrer Hudel berichtete aber auch davon, dass es seitens der städtischen Gründer anfangs kein Interesse an kirchlicher Präsenz gab, die Kirchengemeinde als Partner nicht unbedingt gerne gesehen war und dass Gemeindemitglieder gleichzeitig das Gefühl hatten, ihre Kirchengemeinde an das neue Stadtteilzentrum verloren zu haben und sich enttäuscht abwandten.
Die Gemeinde drohte auszusterben. Dank der Arbeit von Pfarrer Hudel konnte dieser Prozess gestoppt werden. Generationentreffen der Gemeinde, Bibelgespräche und Konfirmandenunterricht finden in den Räumen statt, die von vielen verschiedenen Akteuren genutzt werden, und fragt man Pfarrer Hudel, warum dieses Stadtteilzentrum in diesem vormals alleinigen Gemeindehaus, dann sagt er: „Aus Verantwortung für die Gesellschaft.“ Und als seinen Anspruch gab er uns mit auf den Weg, dass Kirchengemeinden einen starken Kern brauchen, den suchende Menschen finden können und dass man ihnen Zeit geben muss, um in Traditionen und in eine Gemeinschaft hineinzuwachsen.
Kirche im Plattenbau
Mit einer ganz anderen Umgebung machte uns ein junger Pfarrer aus der Prager Südstadt mitten in der größten Prager Plattenbausiedlung vertraut und zeigte uns ein tolles Kirchengebäude, an das Büroräume, Dienstwohnungen und ein Kindergarten mit Förderschwerpunkt anschließen.
Mitten in dieser Plattenbausiedlung und mit gerade einmal hundertfünfzehn Mitgliedern lebt hier eine starke Gemeinde, die aus Familien und Senioren, aus sechs Konfirmanden und aus einer großen Jungen Gemeinde besteht. Der Pfarrer feiert mit fünfunddreißig Menschen sonntags Gottesdienst, bietet Bibelstunden, Konfirmandenunterricht und Jugendgruppen an, ermöglicht zusammen mit Ehrenamtlichen Angebote für Erwachsene und ein Seniorencafé, arbeitet mit einer Förderschule und diakonischen Einrichtungen zusammen. So entsteht und lebt Kirche dort, wo man sie vielleicht gar nicht erwarten würde.
Und wenn die Kirche gerade nicht von der evangelischen Gemeinde genutzt wird, öffnet sie ihre Türen für Tschechisch-Unterricht für ukrainische Geflüchtete, als Begegnungsraum für ukrainische Frauen, für andere christliche Gemeinden, die hier auch Gottesdienst feiern.
Wenn man den Pfarrer nach seinem Bild von Kirche und nach der Zukunft der Kirche fragt, dann erzählt auch er ruhig und voller Überzeugung von einer Kirche, in der alle Generationen zusammenkommen, in der Menschen zu Gott gebracht werden und in der die Kirche offen auf ihre Mitmenschen zugeht und sich zugleich nicht zu viele Sorgen über die Zukunft macht, weil „Gott schon einen Plan hat“.
Es waren unglaublich herzliche Menschen, die uns empfangen, uns Einblicke gewährt und uns mit in ihren Alltag genommen haben, Gemeinden, die sich als Teil der Zivilgesellschaft verstehen und ihre Rolle als Minderheit angenommen haben. Die vielen Widrigkeiten zum Trotz an ihrer Kirche und dem Evangelium festhalten und mit weit geöffneten Armen auf ihre Mitmenschen zugehen.
Mit Blick auf den Weg, der als Evangelische Kirche in Deutschland vor uns liegt, nehme ich die Frage von Synodalsenior Pokorny mit: Wohin geht der lebendige Christus heute, und wohin sollen wir ihm in Solidarität folgen?
Markus Sachse
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